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Polen 1939 - Meinen Landsleuten, den ermordeten und den lebenden!


Tragische Fügung

Die Zahl der Volksdeutschen, die im September des Jahres 1939 in Polen ermordet worden sind, wird niemals genau festgestellt werden können. Noch nach Jahren wird man irgendwo in den tiefen Wäldern, in den sandigen Heidestrecken Mittelpolens, in einsamen Teichen die Gerippe von Menschen finden, deren einziges Verbrechen gewesen war, daß sie Deutsche waren und sich zu diesem Deutschtum bekannt hatten. Immer wird den Deutschen dort im Lande dieser Monat, dessen Himmel vom ersten bis zum letzten Tage von strahlender Bläue über den dunklen und goldfarbigen Wellen der Kiefernwälder und der Laubwälder gewesen war, ein Monat des Grauens und der Todesangst bleiben. Niemals auch wird es gelingen, alle diejenigen zu ermitteln, die den Dämonen des Ostens erlegen waren und nun das Tier in sich losgelassen hatten, damit es sich an unschuldigem Blut sättige. Niemals wird man alle Mörder feststellen und ergreifen können, um sie ihrer Strafe zuzuführen, einer Strafe, die als Sühne für diese Verbrechen viel zu milde ist, da sie ja nur im Erschießen besteht, und die wir Deutschen doch nicht schärfer verhängen können, da wir ja den Geist der Bestie nur mit unseren helleren Waffen bekämpfen dürfen und wollen, sollen wir das, was wir unser Deutschtum nennen, nicht in seinen Grundlagen antasten.
Es sei hier ein Fall erzählt, der durch eine besondere Verknüpfung verschiedener Umstände tragisch und seltsam zugleich ist. Wir sind, nachdem wir die Unzahl der Quälereien, der Scheußlichkeiten und Ermordungen jenes blutigen Monats in allen Einzelheiten erfahren haben, nicht mehr gläubig genug, um ein gerechtes Walten der Vorsehung darin zu erblicken, daß in diesem Falle der Mörder gefaßt werden konnte; wir sind es umso weniger, als der schlimmere Verbrecher wohl für immer unauffindbar bleiben wird.
  Am 5. September, also am zweiten Tage nach dem Blutsonntag von Bromberg, raste auch in den Dörfern, die an der Rückzugsstraße der Polen nach Thorn lagen, die mörderische Blutgier. Soldatenhaufen, schon in diesen ersten Tagen des Krieges ohne jede Disziplin, strömten über die Straßen und Feldwege, ließen sich von ortsansässigen Polen die Häuser und Gehöfte der Deutschen zeigen, stürzten in ihre Wohnungen, schossen, mordeten und quälten zu Tode, wen sie darin vorfanden. Polnische Bauern, Knechte, junge und alte Weiber, Halbwüchsige beiderlei Geschlechts begleiteten kreischend und brüllend die rasenden Banditenhaufen, halfen, ihre Nachbarn, mit denen sie Jahre um Jahre friedlich Zaun an Zaun und Straße an Straße gewohnt hatten, aus dem Leben zu hetzen, oder erschlugen, erstachen, erschossen selbst, wenn einmal die Soldaten sich mit Plünderungen begnügen wollten.
In dem Dorfe Langenau, das nur wenige Kilometer von Bromberg entfernt schon in der Weichselniederung liegt, blieb nicht ein einziges deutsches Gehöft verschont. Verrußte Mauern, niedergebrannte Scheunen, Schuttplätze voll zertrümmerter Maschinen und verkohlte Möbel, die durch irgendeinen Zufall das Feuer überdauert hatten und nun einsam in den Trümmern standen - das war alles, was von diesem blühenden Ort übriggeblieben war. Wer von den Deutschen nicht geflohen war, wer in richtigem Bauerntrotz oder im Glauben daran, daß doch auch in den Polen menschliches Gefühl wohnen müsse, nicht in die sumpfigen Weidengehölze und Buschwiesen am Ufer der Weichsel geflohen war, hatte es schrecklich zu büßen.
   So brach denn ein solcher Haufe auch in das Gehöft des Bauern Holland ein. Der Bauer, der den Weltkrieg in der deutschen Armee mitgemacht hatte, erwartete die Tobenden in der Tür seines Hauses; er wollte versuchen, das Schlimmste von seinem Hof abzuwehren. Sein ruhiger Mut, seine Besonnenheit, sein Anerbieten, sich und die Seinen mit Geld loszukaufen, machte auf die Soldaten, die sich in dem Haufen befanden, Eindruck, und es schien, daß sie wirklich bereit waren, sich für diesmal mit einer Geldsumme zufrieden zu geben; aber die polnischen Weiber, denen, wie Augenzeugen bestätigt haben, wie tollen Tieren Schaum vor dem Munde stand, hetzten und schrien und wollten Blut sehen. Als man so noch unschlüssig herumstand, kam plötzlich ein untersetzter Mann in bäuerlicher Kleidung auf den Hof gerannt, der eine blutbeschmierte Holzaxt in den Händen schwang und brüllend fragte, ob man das Hitlerschwein schon erledigt habe. Der Anblick dieses Menschen raubte dem deutschen Bauern den Mut. Er wich in sein Haus zurück, der Mörder lief ihm nach, nun stürzte sich die Schar der Dorfweiber heulend und kreischend hinterher, die Soldaten wurden von der Meute angesteckt, und nun jagten sie den Unglücklichen durch sein Haus, bis sie ihn im Schlafzimmer erreichten. Hier wurde er mit der Axt erschlagen, während sein Weib und seine drei Kinder in einer Ecke dieser Stube hockten und alles mitansahen.
   Das fassungslose Schreien der noch jungen Frau des Deutschen aber machte einen polnischen Offizier auf sie aufmerksam, der sich unter dem Mordhaufen befand. Während die tobende Bande nun das ganze Haus nach dem deutschen Knecht durchsuchte, der jedoch zum polnischen Heer eingezogen worden war, während die Bauernweiber sich über die Habe des Deutschen warfen und Stuben, Küche und Keller plünderten, während die unmenschlich zugerichtete Leiche ihres Mannes auf dem Fußboden lag, warf der Offizier die wimmernde Frau, die zu jeder Gegenwehr unfähig war, auf ihr Ehebett und tat ihr vor den Augen ihrer unmündigen Kinder Gewalt an.
  Um die gleiche Zeit zog draußen vor dem Gehöft ein langer Zug verhafteter Deutscher auf der Dorfstraße vorbei, die nach dem Inneren Polens verschleppt werden sollten. Als der polnische Offizier nach seiner Tat vor das Gehöft trat und diesen Zug erblickte, holte er die deutsche Frau aus dem Haus, stieß sie in den Zug hinein und befahl den Wachmannschaften, sie mitzunehmen, das sei auch so eine deutsche Sau.
  So mußte die Unglückliche, ohne sich von ihren Kindern verabschieden zu können, ohne einen Mantel oder ein Tuch oder auch nur das geringste an Eßbarem mit sich nehmen zu können, in Holzpantoffeln den Marsch antreten, der sie mit Tausenden von deutschen Volksgenossen über Kutno nach Lowitsch hetzte, wo sie dann von weit vorgestoßenen deutschen Truppen zusammen mit ihren Leidensgenossen befreit wurde, ohne daß sie doch gewagt hätte, ihnen den ganzen Umfang ihres Leides zu offenbaren.
   Sie kam zurück und sie fand ihr Gehöft bis auf den Grund niedergebrannt; ihre drei Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren aber hatte die polnische Magd in dem Wirrwarr jenes schrecklichen Tages retten können, indem sie sie bei ihren Eltern versteckte, bis schon zwei Tage darauf die deutschen Soldaten Langenau befreiten. Die Leiche ihres Mannes aber, der abseits von der Straße in einem Gebüsch verscharrt worden war, fand man als Letzten der Ermordeten des Dorfes erst zu Beginn des Oktober. Er sollte würdig begraben werden; es hatten sich Offiziere des deutschen Heeres und der Schutzstaffel zu der Totenfeier angesagt.
   Die Frau aber, die täglich die entsetzten und schamvollen Augen ihrer Kinder auf ihrem Leibe ruhen glaubte, die nun durch das bevorstehende Begräbnis immer wieder von neuem an jenen furchtbaren Tag erinnert wurde, entdeckte jetzt auch noch, daß sie ein Kind von dem polnischen Unhold zu erwarten habe. In ihrer Herzensangst machte sie ihrem Leben durch Erhängen ein Ende.
   So standen die Kinder, die Dorfgenossen, der Pfarrer und die deutschen Offiziere am nächsten Tage an einem Doppelgrab. Während der Pfarrer, der jenen Höllenmarsch nach Lowitsch selbst mitgemacht hatte, seinem erschütterten Herzen Worte des Trostes, der Fassung, des Gottvertrauens abzuringen suchte, während die Zuhörerschaft mit steinernen Gesichtern seiner mühsam hervorgepreßten Ansprache lauschte, fühlte einer der deutschen Offiziere, der das fünfjährige Töchterchen der Bauersleute an der Hand gefaßt hielt, wie die Kleine ihn immer wieder an der Hand zog und mit der freien Linken am Ärmel zupfte. Er glaubte, das Kind suche Trost und strich ihr begütigend über das Haar, aber sie ließ nicht nach und so beugte er sich zu ihm hinunter, um ihr Beruhigung zuzusprechen.
   Doch das Mädchen sagte leise zu ihm: "Du, Onkel, da drüben steht doch der Mann, der den Vater erschlagen hat."
   Den deutschen Offizier überlief es kalt. Er strich dem Kinde über die Wange und führte es ein wenig in den Hintergrund. "Sei still", sagte er zu ihm, "sag' nichts", flüsterte er dabei. Dann fragte er: "Weißt du es auch genau?"
   "Ja, ich weiß es. Dort drüben steht er und hört zu, was der Herr Pastor sagt."
   "Weißt du denn noch jemand, der den Mann kennt?" fragte der Offizier.
   "Nu, die Wadscha, die weiß es doch auch."
Die Wadscha war die polnische Magd, die auf dem Hofe diente. Der Offizier ging mit dem Kinde zu ihr, fragte sie, ob sie jenen Mann dort drüben, ja, dort drüben am Baum kenne - und verhinderte nur mit Mühe einen entsetzten Schrei der Magd. Es war tatsächlich der Mörder des Bauern, der, von seiner Tat getrieben, drüben am Grabe desjenigen stand, den er vier Wochen zuvor erschlagen hatte wie einen tollen Hund.
Noch vor dem Schluß der Feier wurde er unauffällig umstellt, und als die Trauernden sich an das Grab begaben, um einer nach dem andern drei Hände voll Erde auf die Särge zu werfen, verhaftet.
   Dies geschah in dem Dorfe Langenau bei Bromberg, im Tal der Weichsel, das niemals wieder solche Taten sehen wird. Dafür werden deutsche Menschen sorgen.
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Ein Achtzigjähriger

                                           Protokoll
Betr.: August Schöps, ermordet am 3. September 1939, geboren am 6. Januar 1859

Auf Weisung des D.V.V. Ortsgruppe Sobiesenki erscheint die Volksdeutsche Wanda Schöps und gibt, zur Aussage der Wahrheit ermahnt, folgendes an:

1. Zur Person: Ich heiße Wanda Schöps, geboren in Piegonisko am 14.4.1865, wohnhaft in Sobiesenki, Ehefrau des Ermordeten.

2. Zur Sache: Ich war mit meinem Mann allein zu Hause, da nahten sich dem Hause polnische Soldaten. Ich verließ das Haus, um mich im Felde zu verstecken. Plötzlich fingen die Soldaten an, das Haus zu beschießen. Ich sah meinen Mann aus dem Hause herauskommen und sich vom Hofe entfernen. Da krachte ein Schuß, und mein Mann fiel um. Als ich zu ihm hin konnte, war er bereits tot.
Weiter habe ich nichts auszusagen.

Geschlossen:
(-) Roman Günther, Protokollführer              V.G.U. (-)xxx
                                             Johann Schöps als Zeuge
Sobiesenki, den 23.10.1939
(abgeschrieben in Posen am 15.11.39)
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Aus einem Protokoll
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  Im Walde von Rzew war am 7. September 1939 die Leiche des 34 Jahre alten Vg. Ferdinand Draber aus Antoniew bei Rombinnen aufgefunden worden, der gleichfalls in der Nacht zum 6. September verschleppt worden war. Auch Draber war völlig zerschlagen und an einer Kiefer mit den Beinen nach oben angenagelt. Knochen und Gliedmaßen waren viele Male gebrochen....

(Abgeschrieben in der Zentrale für die Gräber ermordeter Volksdeutscher in Posen)
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Aus einem Bericht (Deutsche Rundschau, Bromberg, 9. Oktober 1939)
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Jetzt hatte ich eine Sorge: wie sieht es zu Hause aus? Es ist schlimmer gekommen, als ich dachte; ich sollte keinen meiner Lieben mehr lebend antreffen. Von Hohensalza kam ich mit einem Militärauto in meinen Heimatort. Hier hörte ich gleich von einem alten Mann, daß mein Vater soeben beerdigt war. Ihn hatte das polnische Militär dicht an unserem Waldrand erschossen. Nach einigen Tagen fand ich die Leiche meines Bräutigams etwa anderthalb Kilometer von uns entfernt auf. Man hatte ihm die Augen ausgestochen, auch wies er Bjonettstiche auf. Am Sonnabend suchte ich meine Mutter im Walde. Wir fanden sie als Leiche sitzend in einem Graben mit drei Bajonettstichen im Unterleib. Am nächsten Tag fanden wir die Tante auf einer Wiese tot auf....
 
gez. Elsbeth Busse, Bauerntochter
Eichenau Abbau, Kreis Bromberg
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Die Schwester

Als gleich nach Beginn des Polenkrieges die ersten Nachrichten über die an Volksdeutschen begangenen Greueltaten über die Grenze ins Reich kamen, wurden sie zunächst nicht geglaubt, weil die menschliche Einbildungskraft vor den entsetzlichen Bildern versagte, die ihr da zugemutet wurden. Aber die Meldungen enthielten zuviel so grauenhafte Einzelheiten, daß man keinem Deutschen zutrauen konnte, er habe sie erfunden.
   Ein angesehener Arzt in einem dicht an der polnischen Grenze, aber noch im Reiche gelegenen Städtchen, der nahe Verwandte in den ehemals preußischen Gebieten Westpolens wohnen hatte, fühlte sich bald von seiner immer unerträglicher werdenden Unruhe getrieben, sich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, wie es um seine Leute bestellt war. Insbesondere war er in Sorge um seine einzige Schwester, die in Gnesen verheiratet war und, wie er wußte, ein Kind erwartete. Die Geschwister hatten sich seit früherer Jugend durch ein herzliches Einverständnis miteinander verbunden gefühlt und sich in den letzten Jahren in fast regelmäßigen Abständen wechselseitig besucht.
   Es gelang dem in seiner Stadt hochgeachteten Mann, eine Sondergenehmigung von einem höheren Offizier zu erlangen, die ihn berechtigte, in das Operationsgebiet des Heeres einzufahren. Er folgte den im Posener Raum nur langsam vorrückenden vordersten Truppen im Stabe einer deutschen Division und es gelang ihm, schon an dem der Besetzung von Gnesen folgenden Tage auf einem Lastwagen der Wehrmacht in diese Stadt einzufahren. Dort suchte er sofort den Ortskommandanten auf, der noch dabei war, sich einzurichten und gerade einen Volksdeutschen mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Bürgermeisters beauftragt hatte. Dieser, von den Ereignissen der letzten Tage, von der so lang ersehnten Befreiung durch deutsche Truppen und von dem Anblick dieser ruhigen, disziplinierten, herrlichen Soldaten noch tief erschüttert, begrüßte das Eintreffen eines deutschen Aztes mit tiefem Aufatmen und mit Verwunderung zugleich, denn er mußte ja annehmen, daß hier die deutsche Organisation sofort auch für die ärztliche Betreuung etwa verletzter Volksdeutscher gesorgt habe. Auf die beklommene Frage seines Besuchers, ob sich in Gnesen irgendwelche Ausschreitungen der Polen ereignet hätten, denn nach mehr wagte der erregte Mann nicht zu fragen, erwiderte der Bürgermeister daher, Verletzte seien ihm bisher nicht gemeldet worden; wen die Mordbanden erwischt hätten, den hätten sie auch abgeschlachtet, der Herr Doktor werde daher leider nur die Art und den Eintritt des Todes in den bisher bekannt gewordenen Fällen festzustellen haben. Der Bürgermeister setzte, unruhig und lebhaft und von den Ereignissen dieser Tage noch wie im Fieber handelnd, hinzu, er möge nur mitkommen, die Leichen seien hier in einem Saale des Rathauses aufgebahrt. Damit ging er durch die weißgetünchten Gänge des großen Hauses über Fluren und Treppen voran und der deutsche Arzt folgte mit schwerem Herzen.
   Wir machen es kurz und müssen auch dabei noch die Zähne zusammenbeißen. In einem nüchternen Zimmer des Hauses lagen auf dem Fußboden nebeneinander einige Verstümmelte, die vor wenigen Tagen noch lebende und hoffende Menschen gewesen waren, und darunter auch die Schwester des Unglücklichen. Ihr war bei der Ermordung neben anderen Verstümmelungen, die man ihr angetan hatte, der Leib aufgeschnitten worden; das noch ungeborene Kind lag, ein von geronnenem Blute überklebtes Etwas, neben der Mutter auf den Brettern des Saales. Keine armselige Decke verhüllte den geschändeten Leib.
   Es ist nicht zu begreifen, wie der arme Mensch in seine Heimatstadt zurückgelangt ist. Als er eines Tages doch in seinem kleinen Städtchen ankam und gerade das Bahnhofsgebäude verlassen wollte, um sich in sein Haus zu begeben, wurde ein Zug kriegsgefangener polnischer Soldaten an ihm vorbeigeführt, die in sauberer militärischer Ordnung, von einigen deutschen Wachtposten begleitet, ihrem Lager zumarschierten.
   Dieser Anblick raubte dem mühsam versteinerten Menschen die Besinnung. Er vermochte dem Wahnsinn, der sein Hirn in diesen Tagen ständig drohend umlauert hatte, für einige Augenblicke nicht mehr Widerstand zu leisten, er riß einen Revolver hervor und schoß blind in die Polen hinein, von denen einige sofort, vor Entsetzen schreiend, zu Boden stürzten, während die anderen davonzulaufen versuchten. Als der Arzt aber, dessen ganzes Leben der Bekämpfung des Leidens und des Todes gegolten hatte, die Polen vor sich auf der Erde liegen sah, die er selbst niedergeschossen hatte, als er nun die drohenden Rufe der herbeistürzenden deutschen Posten hörte, da blickte er mit erbarmungswürdigem Gesicht um sich, er erwachte aus der Erstarrung seiner Seele und hob die Waffe gegen die eigene Schläfe; er drückte ab und stürzte tot auf das Straßenpflaster.
   Es stellte sich heraus, daß von den am Boden liegenden Polen nur zwei verletzt waren, und keiner lebensgefährlich. Das Kriegsgericht, das über die Tat zu urteilen hatte und das gerade Vergehen gegen Kriegsgefangene, die ja wehrlos seien, sehr hart zu büßen pflegte, bedachte das Übermaß des Leides, das über den unglücklichen Mann gekommen war; es bedachte weiter, daß die Verletzungen der Polen nur verhältnismäßig geringfügig waren und daß der Täter schließlich seine Tat selbst sofort gesühnt hatte. Es sprach ihn noch nachträglich von aller Schuld frei.
    Die ganze Stadt folgte dem Sarge nach, in dem er zur Ruhe getragen wurde, darunter auch die fünf Kinder des Gefallenen, denen ein Jahr zuvor schon die Mutter gestorben war.
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Todesanzeige

Am 7. September 1939 wurden auf ihrem niedergebrannten Besitz in Lukaschewo bei Argenau, Kreis Hohensalza, durch polnische Banditen ermordet:

                                   Eduard Fürstenau im Alter von 80 Jahren
                                   Ida Fürstenau, geb Kohlitz, im Alter von 74 Jahren
                                   Bruno Fürstenau im Alter von 46 Jahren
                                   Ida Fürstenau, geb. Fischer, im Alter von 45 Jahren
                                   Klärchen Fürstenau im Alter von 12 Jahren

In tiefer Trauer.........

(Posener Tageblatt, Freitag, den 20. Oktober 1939)
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Im Sande der Landstraße

In den ersten Septembertagen des Jahres 1939 marschierten auf zahllosen Straßen Polens lange Züge deutscher Menschen, die auf Befehl der polnischen Regierung in das Innere des Landes verschleppt wurden. Der rasche Vormarsch der deutschen Truppen veranlßte die Polen, auch die Lager und Gefängnisse, die weiter im Osten des Landes lagen, zu räumen, und so verließen am /. September auch die Insassen des Zuchthauses zu Siedlce, einer Stadt im Osten von Warschau, diesen Ort. Es war ein Zug von 290 Menschen, der auf der trostlosen Straße in Richtung auf Brest-Litowsk getriebe wurde. Die meisten waren Deutsche, die sofort nach Beginn, teilweise aber auch kurz vor dem Ausbruch des Krieges ohne jeden Grund verhaftet und zur Internierung hierher gebracht worden waren. Die übrigen Häftlinge hatten eine Strafe zu verbüßen, die sie wegen sogenanter politischer Vergehen erhalten hatten - sei es, daß die beobachtet worden waren, wie sie anderen Volksgenossen gegenüber den Hitlergruß ausgesprochen hatten, sei es, weil sie sich abfällig über den polnischen Staat geäußert hatten oder auch nur geäußert haben sollten. Der geringe Rest bestand aus politischen Gefangenen, die einer anderen der vielen Minderheiten Polens angehörten. Den Befehl über diesen Zug führte ein polnischer Leutnant, dem etwa hundert Infanteristen unterstellt waren.
   Die ersten beiden Toten verloren die wehrlosen Menschen schon bei der ersten Rast im Morgengrauen dieses 7. September - einen Todkranken, der auf Befehl dieses Offiziers nackt zurückgelassen werden mußte, und einen Greis, den bereits die ersten Stunden des Marsches so erschöpft hatten, daß er nicht mehr gehen konnte. Er wurde ein paar Schritte beiseite geführt und erschossen.
   Im Laufe des Tages, der trocken und heiß war, so daß ständig eine unbarmherzige quälende Staubwolke über dem Zuge lag, wurde bald der Durst unerträglich. Aber während die polnische Wachmannschaft sich aus den wenigen Bauernhäusern am Wege, aus Bächen und Brunnen stets Wasser zu beschaffen wußte, hinderten die Soldaten auf Befehl des Leutnants, der auf seinem Fahrrade ständig die Kolonne auf unb ab fuhr, die Gefangenen daran, auch nur einen einzigen Trunk zu sich zu nehmen. Bald blieb der erste der ohnehin ausgehungerten Männer zurück. Die Letzten im Zuge sahen mit Entsetzen, was mit ihm geschah. Der Offizier befahl ihm, mitten auf der Straße niederzuknien. Dann mußte er sich so weit nach vorne beugen, daß er mit der Stirn die Erde vor seinen Knien berührte. Ein Infanterist setzte ihm darauf die Mündung seines Gewehrs an den Hinterkopf und drückte ab. Der Körper des Ermordeten blieb liegen.
   Das Entsetzen schüttelte die aufgepeitscht Weitertrottenden. Keiner wollte mehr zurückbleiben; Hunger, Durst, körperliche Erschöpfung, Übermüdung - alles suchten sie zu überwinden, um diesem Schicksal zu entgehen, Und doch traf es immer wieder den und jenen, wie lange den Umsinkenden auch seine Nachbarn mit sich geschleppt haben mochten. Schließlich konnten auch sie nicht mehr, wollte sie nicht selbst zusammenbrechen. Und dann hörten sie hinten den Knall des Mordschusses.
   Wären nicht an diesem und auch am folgenden Tage immer wieder deutsche Flieger über dem Zuge erschienen, so wäre die Zahl der Opfer ins Maßlose gestiegen. So aber wurden die deutschen Bomber die retter ihrer Brüder unten im Staub der Straße, denn sobald das Dröhnen eines Motors hörbar wurde, flüchtete alles unter die Bäume und Sträucher in der Nähe, und dann konnten die Erschöpften ruhen und ein wenig neue Kraft sammeln.
   Am Morgen des zweiten Tages hatte der polnische Leutnant offenbar den Eindruck, daß sich die Zahl seiner Häftlinge zu langsam vermindere.  Er fuhr nun immer wieder mit seinem Rad voraus, ließ den Zug des Elends an sich vorbeimarschieren, winkte wahllos irgendeinen der Gefangenen heraus, ging ein Stück Weges mit ihm neben der Kolonne her, unterhielt sich in ruhigen, freundlichen Worten mit ihm, legte nicht selten mit lügnerischer Geste den linken Arm um seine Schulter, als wolle er ihn stützen, während er mit der Rechten sein Fahrrad führte, und schickte ihn dann schließlich nach hinten.
   Dort mußte er dann in den Sand der Straße niederknien und die Stirne zur Erde beugen. Und jedesmal krachte ein Schuß aus dem Gewehr eines Mörders.
   So hatte dieser Mensch heute schon einige Deutsche an das Ende des Zuges geschickt. Wieder war er einmal vorgefahren, wieder sahen ihn die Gefangenen vorne stehen und auf sie warten. Die Spitze zog an ihm vorbei, immer noch stand er am Straßenrand und blickte mit freundlichen Augen über die an ihm Vorbeimarschierenden hin, un kam die Mitte des Zuges heran, er hob den Arm und winkte. Sein Blick galt einem kleinen, schwächlichen Menschen, der sich trotz Hunger, Durst und wunden Füßen mit verbissener Willensanstrengung bis zu diesem Augenblick durchgeschleppt hatte. Der Schweiß lief dem Mann über das ausgemergelte Gesicht, das Haar hing ihm über die Stirn, er hatte die Lippen zusammengepreßt und blickte ständig und starr geradeaus, als habe er sich weit vorn, wei vor sich einen Punkt in der Landschaft ausgesucht, den er unbedingt noch erreichen wollte. Er sah den winkenden Polen nicht, seine Nachbarn mußten ihn anstoßen. Sie taten es scheu und mit zitternden Gliedern.
   Der Mann - er war noch jung, sein Gesicht war totenblaß trotz dem Marsch in der glühenden Sonne dieses Septembers, er mußte wohl ein Stubenhocker von Beruf sein, ein Lehrer, Bankbeamter oder Schreiber - der Mann blieb nicht stehen, als seine Kameraden ihn anstießen, er wandte den Blick seinem Henker zu, er ging weiter, seine Augen weiteten sich, er war nun schon an dem Offizier vorbei, der ihn gellend anschrie, zwei Soldaten stürzten mit geschwungenen Gewehren herbei, aber da trat er schon an seinem rechten Nachbarn vorbei, trat neben die Marschierenden und ging mit erloschenem Blick auf den Leutnant zu.
   Der machte nun nicht  mehr seine menschenfreundlichen Gebärden, er schrie ihn an, er schickte ihn nach hinten, und er rief den Soldaten am Schluß des Zuges ein paar polnische Worte zu, die alle verstanden, denn sie sprachen ja alle polnisch. Auch der zum Tode Bestimmte verstand die Worte. Und er ging weiter.
   Als die Letzten an ihm vorüberwankten, kniete er nieder. Keiner seiner Kameraden wandte sich um, denn keiner hatte die Kraft, das mitanzusehen, was sich hinter ihnen begeben würde. Aber alle warteten auf das Krachen des Schusses.
   Doch bevor es soweit war, bevor noch der Mörder sein Amt ausgeübt hatte, war ein heller, gellender Schrei über dem marschierenden Zug der waffenlosen Deutschen, zwei Worte stiegen auf und schwangen sich über die zu Boden gesenkten Köpfe, rissen sie hoch, ungläubig blickten ihre Augen, aber es war kein Zweifel, er hatte es gerufen, der mit seinen zarten Gliedern, seinen dünnen Armen und Beinen, seinem flachen Brustkasten, er hatte den Führer gegrüßt. "Heil Hitler!" hatte er geschrien. Nur wenige hörten den polnischen Fluch, der gleich darauf erscholl, aber alle vernahmen sie das Krachen des Gewehrschusses.
   Doch nun hörten es die Letzten noch einmal, gleich nach dem Schuß stöhnte ihr Kamerad noch einmal mit schmerzverzerrter Stimme die beiden Worte in den Sand der Straße hinein, auf den das Haupt des Sterbenden niedergesunken war. Er war nicht gleich tot gewesen. Ein zweiter Schuß, drei, vier andere peitschten auf. Die Posten riefen wild erregt durcheinander, sie erzählten sich gegenseitig, was geschehen war, und so hörten es auch die Deutschen, daß er nicht nur gerufen, daß er kniend den Arm erhoben und so seinen Führer, sein Volk und das Reich gegrüßt habe.
   Es fielen an diesem Tage noch zahlreiche Opfer. Sie alle mußten niederknien, um ihren Schuß zu empfangen. Nicht jeder brachte die Kraft auf zu jenem Gruß, aber viele, viele taten es.
   Wir werden ihre Namen niemals erfahren, sowenig wie den des Mannes, der als erster gerufen hat.