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Offener Brief an Frau Merkel vom 4.6.2006


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Ich hatte schon lange das Bedürfnis, mich an Sie persönlich zu wenden, da ich nicht mehr in der Lage bin, Ihrer sicherlich durchdachten und wohlerwogenen Politik zu folgen. Ich hätte da nur ein paar kurze Fragen und Anmerkungen, die Sie vielleicht in einer Talk-Show über die Medien beantworten könnten. Dafür wäre ich Ihnen jedenfalls sehr verbunden.

Als erstes würde ich gern wissen, ob denn inzwischen Klarheit darüber besteht, ob die Staatsverschuldung nun vier oder acht oder gar zwölf oder vielleicht zwanzig Billionen Euro beträgt, und ob Sie jemals eine Betriebsprüfung bei Ihren Finanzämtern gemacht haben, um zu erfahren, welche Steuern überhaupt eingenommen werden und wo die abbleiben? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß bei Ihnen überhaupt alles davon richtig ankommt!

Was, das haben Sie nicht gemacht - merkwürdig - ob das wohl klug ist? Sie lassen doch uns unablässig auf Herz und Nieren prüfen und vergessen das ausgerechnet an der Stelle, wo unser ganzes Geld hingeprügelt wird? Na ja, ich weiß ja nicht, heute würde ich keinem mehr trauen, bei dem so viel Geld durchfließt. Aber Sie werden das sicher besser wissen. Meine Enkelchen brennen nämlich darauf zu wissen, welche Zinssätze sie bei ihren Banken für ihre Taschengeldkonten aushandeln müssen, um nicht nur die normale Inflation, sondern auch den Zinsendienst für Ihre Diäten und ähnlich sinnvolle Leistungen des Volkes an wen auch immer, bei ihrer Volljährigkeit abdecken zu können. Die Zeit vergeht ja so schnell! Daneben sollte natürlich noch eine gewisse Vermögensbildung stattfinden, deshalb brennen sie auf Klarheit und löchern mich tagtäglich. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es inzwischen ein nettes Kalkulationsprogramm "for Kids" von der Fa. Winzigweich, das sich sehr schön als Geburtsgabe eignet, denn es geht bis 20 Stellen vor dem Komma und ermöglicht fürs erste Berechnungen mit Zinssätzen bis 20.000%. Die Kleinen kommen schon bestens damit klar, wirklich erstaunlich, und wollen jetzt endlich loslegen.

Diese Enkelchen wollen auch wirklich alles wissen! So haben sie mich doch tatsächlich gefragt, ob Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, überhaupt wissen, wer so viel Geld hat, um es Ihnen zu leihen, und welche Sicherheiten Sie dafür stellen müssen. Stellen Sie sich das vor! Natürlich haben die Kleinen das nicht so finanztechnisch ausgedrückt und haben etwa gesagt: wenn der Hubi mir meine 50 Cent nicht zurückgibt, weil er den anderen auch ihre 50 Cent nicht zurückgibt, dann kriegt der von mir gar nichts mehr, auch keine 100 Euro! Da muß erst sein Papi versprechen, daß er mir das Geld gibt, wenn der Hubi das nicht kann. Ganz schön raffiniert, was? Na ja, so sind halt Kinder. Aber im Ernst: kennen Sie denn die Leute, die Ihnen 4 oder 8 oder 20 Billionen einfach so leihen, nur weil die Kasse leer ist? Also ich würde mit diesem Argument keinen Hosenknopf kriegen. Beleidigen Sie bitte nicht die Intelligenz meiner Enkel, wenn Sie sagen, das seien eben Banken, Konsortien, Investoren, Anleger oder eben irgendein Krösus. Aha! Jetzt kommen wir der Sache schon näher: wer ist denn, bitte schön, dieser Krösus? Was, das wissen Sie auch nicht? Ja ist das denn die Möglichkeit - Sie leihen sich Papierscheine, mit denen man die Sonne abkleben könnte und wissen noch nicht einmal von wem? Wenn das nun die Mafia ist - oder noch ein paar Etagen tiefer? Ich gebe zu, diese Frage ist ja nebensächlich und rein theoretisch, Hauptsache, das Geld ist da, nicht wahr? Sonst müßten Sie und Ihre Kollegen, die so schwer arbeiten, womöglich auf Ihren Kaviar verzichten - nicht auszudenken! Aber anscheinend hat das ja immer noch nicht gereicht, denn Sie wollen doch unsere allgemeine Plündersteuer gleich um 2 Prozent erhöhen? Oder ist das Geld etwa schon wieder weg, ohne daß Sie Zeit hatten, dies hier überhaupt auszugeben (Verzeihung - Ihre Diäten usw. usw. usw. natürlich als Disagio, versteht sich)?

Aber lassen wir das. Mich wundert nur, wenn Sie Ihren großen Gönner überhaupt nicht kennen, wie wissen Sie denn, ob er nicht vielleicht seiner Frau morgen ein neues Kleid mit passendem Auto kaufen will und plötzlich alles dringend braucht? Oder ob nicht seine Frau ihm rät, diesen Peanut-Betrag bei Ihnen zu holen, weil sie aus den Sternen gehört hat, daß das undankbare Volk Sie zusammen mit diesem wirklich großzügigen Kredit auf den Müll der Geschichte entsorgen könnte? Fragen über Fragen. Aber im Ernst: was machen Sie, wenn das tatsächlich passiert? Irgendwo hat man ja läuten gehört, daß das eigentlich gar kein richtiges Geld sein soll, sondern nur Papierschnipsel aus der eigenen Papierfabrik. Auch das noch! Wir erkennen ja an, daß Sie und Ihre werten Vorgänger schon so ziemlich alles hingegeben haben, was einst dem Volk gehörte und davon nichts mehr übrig ist. Das hat das Volk ja fraglos gern getan und gar nicht richtig gemerkt. Wenn Sie noch Ihr schönes Kanzleramt dazugeben und die Autobahnen, ja, aber dann steckt doch das geliehene Geld da schon drin!? Ja, was passiert denn nun wirklich im Fall des Falles? Ach so, Sie haben ja noch die Spargroschen von allen Alten und Anlegern auf den Banken! Wie bitte, die gehören auch dem Krösus? Ja dann kann er also einfach alles, was da ist, einsammeln und ist zufrieden? Nicht? Ach so, ich vergaß, daß er natürlich auch die Hypotheken kündigt und die Grundstücke auch noch mitnimmt, wie konnte ich nur so vergeßlich sein. Aber, wo wohnen wir denn dann, wenn die Mieten auf das Zehnfache gestiegen sind? Ach, Sie haben Notstandsgesetze, und wir bekommen Zelte. Und Eßmarken gibt es auch, wie genial! Und Sie versprechen uns, daß es sehr schöne Zeltplätze auf den Rheinwiesen gibt? Ja, ich erinnere mich, da konnte man schon 1945 sogar ohne Zelte zelten. Ja richtig, die Leute wollten da gar nicht mehr weg und obwohl sie gestorben sind, liegen sie heute noch da. Wird das nicht ein bißchen zu voll?

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, ich sehe schon, daß einige Wähler die richtige Wahl getroffen haben und bin beruhigt, daß Sie alles so schön im Griff haben. Aber bitte nicht vergessen: meine Enkelchen brauchen noch ein paar Zahlen - auf ein paar Billionen kommt es nicht an - damit sie endlich ihr tolles Programm ausprobieren können.

Ich wünsche noch ein geruhsames Pfingstfest, wir werden uns schon einmal die herrlichen Rheinwiesen ansehen, vielleicht mit dem Rad!

Mit vorzüglichster Hochachtung