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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
Ein atomares Dreiecksgeschäft
Wie Hitlers Atomwissenschaftler Israel zur Atombombe verhalfen
Autorin: Gaby Weber
Regie: Maria Ohmer
Redaktion: Udo Zindel
Sendung: Freitag, 28. November 2008, 8.30 Uhr, SWR2
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Besetzung:
Erzählerin
Zitator (Übersetzungen, Ansage)
Sprecher
Atmo: Dwight D. Eisenhower
Erzählerin:
Generalversammlung der Vereinten Nationen, am 8. Dezember 1953. US-Präsident
Dwight D. Eisenhower stellt sein „Atoms for Peace“-Programm vor: Atome für den
Frieden. Er bietet die Nukleartechnologie, die die USA gemeinsam mit den Briten
und Kanadiern entwickelt haben, der ganzen Welt an. Für eine friedliche Nutzung,
die eine neue Behörde überwachen soll.
O-Ton - Dwight D. Eisenhower (englisch):
„We would expect that such an agency ... “
Übersetzung:
„Wir wollen diese Behörde den Vereinten Nationen unterstellen und sind bereit, das
weltweite Kontrollsystem der Atomenergie mit allen Kräften zu unterstützen. Jede
Regierung, die mit dieser Behörde zusammen arbeitet, wird in uns einen
großzügigen Partner finden.“
Ansager:
Ein atomares Dreiecksgeschäft. Wie Hitlers Atomwissenschaftler Israel zur
Atombombe verhalfen. Eine Sendung von Gaby Weber.
Erzählerin:
Die US-Regierung wusste damals, dass die Sowjetunion bereits eigene Atomwaffen
entwickelt hatte. Aber die US-Atombehörde, die „Atomic Energy Commission“, wollte
verhindern, dass noch mehr Staaten in ihren Besitz gelangten. Weil viele
Regierungen sich aber für zivile Nukleartechnologie interessierten, bot Eisenhower
an, angereichertes Uran für zivile Zwecke in alle Welt zu exportieren. Vier Jahre nach
seiner Rede vor den Vereinten Nationen wurde die Internationale Atomenergie-
Behörde in Wien ins Leben gerufen, als Einrichtung der UNO.
Sprecher:
Doch Eisenhowers Vision der „Atoms for Peace“ scheiterte. Seit dem Abwurf der
Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima im August 1945 wollten und wollen
Regierungen und Diktaturen atomare Massenvernichtungsmittel in ihren Besitz
bringen. Das erste Land, das sich der Kontrolle der „Atomic Energy Commission“ und
der Wiener Atomenergiebehörde entzog und heimlich die Bombe baute, war Israel.
Im November 1960, sieben Jahre nach Eisenhowers Rede, entdeckte ein
Spionageflugzeug der US-Luftwaffe in der israelischen Negev-Wüste das
Atomkraftwerk Dimona, getarnt als Textilfabrik. Die Regierung in Tel Aviv, notierte
der US-Geheimdienst CIA, verfüge über geheime Produktionsanlagen für
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Kernwaffen. Und das war damals nicht im Interesse der USA, meint der Berliner
Friedensforscher Otfried Nassauer.
O-Ton - Otfried Nassauer:
„Die Amerikaner haben dann diverse Versuche unternommen um zu klären, was ihr
Klient Israel denn in der Negev-Wüste wirklich für eine nukleare Anlage baut. Die
amerikanischen Versuche sind relativ lange gescheitert, bis nach erheblichem
amerikanischem Druck ein Besuch einer US-Delegation in Dimona ermöglicht wurde,
der aber offensichtlich zunächst nichts erbrachte, weil die Israelis den unterirdischen
Anteil der Anlage den Amerikanern durch eine Mauer abgetrennt hatten.“
Erzählerin:
Heute bezweifelt kaum jemand, dass Israel eine Atommacht ist. Doch wie es diese
verheerenden Waffen erlangt hat, lag bisher im Dunkeln. Auch die Internationale
Atomenergie-Behörde will das nie herausgefunden haben. Sie verweigert ein
Interview zu diesem Thema, wie auch die israelische Regierung.
Sprecher:
Die israelische Regierung verdankt ihre Atombombe tatsächlich Wissenschaftlern,
die Anfang der vierziger Jahre am deutschen „Uranprojekt“ arbeiteten. Sie sollten die
Kernwaffen entwickeln, von denen Hitler hoffte, dass sie den Krieg entscheiden
würde. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sie diese Forschungen, die in
Deutschland verboten waren, in Argentinien fort. Das deutsche Kaiser-Wilhelm-
Institut hatte die „Uranmaschine“, wie damals ein Kernreaktor genannt wurde, bereits
1941, noch vor Großbritannien, patentieren lassen. Mit dieser „Uranmaschine“ wurde
Plutonium hergestellt. Und der israelische Reaktor Dimona arbeitet auf der Basis
dieses Herstellungsverfahrens. Auch der argentinischen Atombehörde CNEA (sprich:
konéa), die von ehemaligen Atomphysikern des Dritten Reiches aufgebaut worden
war, verdankt Israel die Bombe. CNEA lieferte dem jungen israelischen Staat drei
Mal Uran, riesige Mengen, die nur von dem militärischen Teil des Atomkraftwerks
Dimona genutzt worden sein können.
O-Ton – Roberto Ornstein (spanisch):
„No habia esta desconfianza .... “
Erzählerin:
Wir misstrauten Israel damals nicht, erzählt Roberto Ornstein von der CNEA.
Übersetzung:
„Vor 40 Jahren hatten wir Verständnis für Israel wegen des Krieges mit seinen
Nachbarstaaten. Das änderte sich später, und wir begannen, ihnen zu misstrauen.“
Sprecher:
In den fünfziger Jahren beherrschten nur zwei Staaten militärische und zivile
Atomtechnologie: die USA und die Sowjetunion. Die US-Regierung lieferte die
Technologie und das dazu nötige angereicherte Uran nur unter strikten Kontrollen an
andere Länder. Das war bitter für ihre Verbündeten. Besonders die Regierungen in
Tel Aviv und Buenos Aires wollten nicht von Washington abhängig sein und ein
eigenes nukleares Abschreckungspotential aufbauen. Sie suchten also nach
Alternativen.
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Erzählerin:
Israels Ministerpräsident David Ben Gurion und Shimon Peres, der Leiter des
Verteidigungsministeriums, erhoben die Atombombe 1956 zur nationalen Priorität. Im
Juli jenes Jahres hatte Ägypten mit der UdSSR einen Vertrag über nukleare
Zusammenarbeit geschlossen, und Tel Aviv fürchtete, dass Kairo Kernwaffen
erlangen könnte. 1958 gründete Peres den Geheimdienst „Office for Special Tasks“,
das Büro für Spezielle Aufgaben, aus dem zwei Jahre später LAKAM entstehen
würde, ein mit dem Mossad konkurrierender Geheimdienst, dessen Aufgabe das
„Beschaffen“ strategisch wichtiger Technologien war. Da diese Technologien von
den Amerikanern nur für zivile Zwecke zu bekommen waren, wandte sich Peres an
die Europäer, die gerade dabei waren, EURATOM zu gründen, die europäische
Atombehörde. Die französische Regierung versprach ihm, das Atomkraftwerk
Dimona in der Negev-Wüste zu bauen. Im Gegenzug sollte die israelische Luftwaffe
im Suezkonflikt Ägypten angreifen.
Sprecher:
Doch die USA setzten Paris unter Druck. Charles De Gaulle wollte seine eigene
atomare Force de Frappe retten, die er gegen den Widerstand Eisenhowers nicht
hätte aufbauen können. Er kündigte das Abkommen mit den Israelis, gab ihnen aber
den Rat, sich an die Deutschen zu wenden. Deutsche Wissenschaftler waren zu
diesem Zeitpunkt wohl tatsächlich in der Lage, Atomwaffen herzustellen. Dies geht
aus einem Schreiben des US-Generals Elliott Vandevanter an das NATOHauptquartier
vom 10. Dezember 1958 hervor:
Zitator:
Es steht fest, dass die Deutschen jetzt in der Lage sind, Atomwaffen zu liefern.
Erzählerin:
Bis hier ist die Geschichte bekannt. Über die weiteren Geschehnisse schweigen sich
die Beteiligten aus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die Siegermächte um besonders begabte
deutsche Wissenschaftler bemüht. Die meisten waren in den USA und der UdSSR
gelandet, etliche auch in Argentinien bei General Juan Domingo Perón. Dort bauten
sie ab 1950 die Nationale Atomkommission CNEA auf.
Sprecher:
Ebenso wie die Versailler Verträge nach dem Ersten Weltkrieg der Weimarer
Republik bestimmte militärische Forschung verboten hatten, untersagten die Pariser
Verträge 1954 der Bundesrepublik die Entwicklung von atomaren, biologischen und
chemischen Waffen, „auf deutschem Boden“. Von „argentinischem Boden“ war in
den Verträgen nicht die Rede.
Erzählerin:
In den fünfziger Jahren waren am Rio de la Plata Zehntausende geflohene Nazis,
Kriegsverbrecher wie Adolf Eichmann, der im Norden des Landes, in Tucumán,
lebte.
Sprecher:
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An der Universität von Tucumán wollte Perón ab 1946 ein Atomforschungszentrum
errichten. Der Rektor versprach deutschen Wissenschaftlern ein komplettes Labor,
und er brachte aus Europa Walter Seelmann-Eggebrecht mit, einst die rechte Hand
von Otto Hahn. Hahn hatte während des Dritten Reiches das Kaiser-Wilhelm-Institut
für Chemie geleitet und im innersten Kreis des „Uranprojekts“ gearbeitet.
Erzählerin:
Die argentinischen Physiker hatten sich bis dahin nur theoretisch mit dem Atom
beschäftigt, von den Deutschen lernten sie zu experimentieren, erzählt Renato
Radicella, der 1954 in die CNEA eintrat.
O-Ton Renato Radicella (spanisch):
“Fue contratado de la universidad …”
Übersetzung:
„Die Universität von Tucumán nahm Seelmann-Eggebrecht als Nuklearchemiker
unter Vertrag, und dort baute er, noch bevor unsere Atomkommission gegründet war,
ein nukleares Forschungslabor auf. Wir haben mit radioaktivem Material gearbeitet,
das von Natur-Uran stammte. Anfangs mussten wir improvisieren. Wir hatten nur ein
paar Geräte, die Otto Hahn geschickt hatte.“
Erzählerin:
In Tucumán hatte sich die Crème der deutschen Atomphysiker zusammen gefunden.
Professor Kurt Frenz, Koryphäe auf dem Gebiet der Elektronik, war mit von der
Partie. Walter Schnurr, während des Krieges bei der IG Farben, entwickelte mit
deutschem Know How Sprengstoffe und Raketen. Und in Córdoba baute Kurt Tank,
zuvor Chefentwickler der Focke-Wulff-Werke, Flugzeuge und Raketen-
Trägersysteme.
O-Ton Renato Radicella (spanisch):
„Eso lo hizo Flegenheimer ... „
Übersetzung:
„In der Gruppe um Seelmann-Eggebrecht war der Kollege Flegenheimer für die
atomare Wiederaufbereitung zuständig und ihm gelang es, ein paar Milligramm
Plutonium zu isolieren.“
Erzählerin:
Das war in Südamerika eine Sensation. Nicht so für die Deutschen, denn die hatten
bereits 1941 ein Verfahren zur Gewinnung von Plutonium entwickelt. Die Nazis
hatten in den letzten Kriegsjahren ihre Wissenschaftler mit Volldampf nach der
„Wunderwaffe“ forschen lassen, ebenso wie die Briten und Amerikaner. Es war ein
Wettlauf um die Atombombe, von der sich alle die Wende im Zweiten Weltkrieg
erhofften, erzählt Renato Radicella.
O-Ton Renato Radicella (spanisch):
„Sabian perfectamente ...“
Übersetzung:
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„Viele dieser Verfahren waren parallel in Großbritannien, den USA und Deutschland
entwickelt worden. Aber was Seelmann-Eggebrecht mitbrachte, waren für uns
sensationelle Neuigkeiten, die wir wissbegierig aufsaugten. Von Patenten redete
niemand.“
Sprecher:
Es gibt zwei Methoden, kernwaffenfähiges Material zu gewinnen: eine beruht auf
angereichertem Uran und die zweite auf Plutonium, das aus Natur-Uran gewonnen
wird. Das Uran-Anreichungsverfahren wurde von den USA entwickelt und patentiert.
Aber wer zuerst Plutonium isolieren konnte, ist nicht eindeutig geklärt.
Erzählerin:
Natürlich gibt es Patentlisten, auch was die Plutonium-Technologie angeht. Sie
beginnt mit dem Patent der britischen Atomenergiebehörde vom April 1942 über die
„Herstellung von Plutonium“. Es folgen andere Patente im Zusammenhang mit
Plutonium, alle in den Händen von Briten oder Amerikanern. Die Deutschen tauchen
erst Ende der fünfziger Jahre auf dieser Liste auf, wie auch die Franzosen, die mit
den Deutschen in der Atombehörde Euratom an einem Tisch saßen.
Sprecher:
Doch zwischen 1940 und 1941 hatte Carl Friedrich von Weizsäcker ein Patent mit
dem Titel angemeldet:
Zitator:
„Energieerzeugung aus dem Uranisotop der Masse 238 und anderen schweren
Elementen“.
Sprecher:
Er beschreibt darin die militärischen Einsatzmöglichkeiten von Kernreaktoren, die er
„Uranmaschinen“ nannte, und Plutonium:
Zitator:
„Die Erzeugung ist am besten in der „Uranmaschine" möglich [...]. Ganz besonders
vorteilhaft ist es, dass das Element leicht chemisch [...] von dem Uran getrennt und
rein dargestellt werden kann.“
Sprecher:
Im August 41 meldete Karl Wirtz das Patent für einen Kernreaktor an. Abweichend
von Weizsäckers Patent erwähnt er nukleare Sprengstoffe nicht.
Erzählerin:
Was mit diesen Patenten passiert ist, ist nicht klar. Bei der Max-Planck-Gesellschaft,
der Nachfolgerin des Kaiser-Wilhelm-Instituts, will man sie nicht kennen. Auch das
Patentamt in München kann keine Auskunft geben. Wer weiterhelfen konnte, war die
Firma Degussa, heute Evonik.
Sprecher:
Die Degussa hatte im Zweiten Weltkrieg nicht nur Zyklon B hergestellt – ein
blausäurehaltiges Schädlingsbekämpfungsmittel, mit dem in Konzentrationslagern
unzählige Menschen ermordet wurden. Sie hatte ab 1940 eng mit Werner
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Heisenberg und Karl Wirtz an Hitlers „Uranprojekt“ zusammen gearbeitet. Bis
Kriegsende hatte die Degussa den Forschern 5,5 Tonnen Uranmetall geliefert. Zehn
Jahre später, 1955, gründete die Degussa ihre „Nukleargruppe“ und stieg wieder in
die Atomtechnologie ein. Und sie arbeitete wieder eng mit Wirtz und Heisenberg
zusammen, die am Göttinger Max-Planck-Institut für Physik tätig waren, Wirtz als
Leiter.
Im selben Jahr, 1955, meldete Wirtz wieder ein Patent an. Es ging, wie schon bei
seinem „verschwundenen“ Patent aus dem Jahr 1941, um die
Anwendungsmöglichkeiten von Kernreaktoren, um die zivilen, denn die militärischen
waren ja verboten.
Erzählerin:
Es hatte sich offensichtlich ausgezahlt, dass die deutschen Wissenschaftler den
Anschluss an die technologischen Entwicklungen nicht verpasst hatten, sondern in
argentinischen Kernforschungszentren das tun durften, was die Pariser Verträge der
Bundesrepublik „auf deutschem Boden“ verboten.
Sprecher:
Der israelische Reaktor Dimona arbeitet nicht mit dem auf angereichertem Uran
basierenden US-Verfahren, sondern auf der Basis von Natur-Uran, und dieser
Prozess wirft Plutonium ab. Dieses Herstellungsverfahren war erstmals 1941 von
Atomphysikern im Nationalsozialismus patentiert worden.
Erzählerin:
Shimon Peres hatte damit das erste Problem – ein funktionierendes Verfahren zur
Herstellung spaltbaren Materials – gelöst. Aber woher sollte Israel das Schwere
Wasser bekommen, das als Reaktor-Kühlmittel benötigt wird? Auch das war, außer
von der Sowjetunion, nur von den USA zu erhalten, und die lieferten nur für friedliche
Zwecke. Die konnte Peres nicht nachweisen.
Sprecher:
Woher er am Ende das Schwere Wasser bezog, geht aus einem „top secret“-
Vermerk des britischen Geheimdienstes MI6 aus dem Jahr 1961 hervor. Unter dem
Titel „Atomare Aktivitäten Israels“ heißt es:
Zitator:
„Der israelische Premierminister hat seinem kanadischen Amtskollegen gegenüber
zugegeben, in der Negev-Wüste eine Plutoniumfabrik zu errichten.“
Sprecher:
Ben Gurion habe behauptet, dass es sich nur um eine kleine Pilotanlage handle. Sie
könne, so der Vermerk, jährlich drei Kilogramm Plutonium herstellen. Mitte 1959 bis
Mitte 1960 seien unter strenger Geheimhaltung zwanzig Tonnen Schweren Wassers
der norwegischen Firma Noratom nach Israel verschifft worden. In Norwegen hatten
schon die Nazis Schweres Wasser produziert. Der MI6 rechnet vor:
Zitator:
„Diese Menge ist viel zu groß für einen kleinen Versuchsreaktor“.
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Sprecher:
Damit hatten die israelischen Kernwaffentechniker das zweite Probleme gelöst. Blieb
das dritte: Woher Natur-Uran für die Plutoniumgewinnung beziehen? Offiziell galt
Dimona als ein kleiner Forschungsreaktor, aber um atomwaffenfähiges Plutonium in
ausreichenden Mengen herzustellen, braucht man Uran in großen Mengen.
Erzählerin:
Uran konnte nicht, wie Erdöl oder Getreide, frei gehandelt werden. Es stand auf der
Liste des „Koordinations-Ausschusses für mehrseitige Ausfuhrkontrollen“, des
sogenannten CoCom, der 1949 auf Initiative der USA gegründet worden war, um die
Staaten des Warschauer Pakts von moderner Technologie auszuschließen. Die
Bundesrepublik war Mitglied bei CoCom, ein Uranexport nach Israel hätte dort
genehmigt werden müssen. Es sei aber niemals ein Import von argentinischem Uran
erlaubt worden, auch in der Außenhandelsbilanz tauchte es nicht auf, teilte das
Statistische Bundesamt auf Anfrage mit. Laut der in Argentinien gefundenen
Dokumente ist aber zwischen 1960 und 1963 drei Mal Uran nach Israel geliefert
worden, das erste Mal über die Bundesrepublik.
Sprecher:
Israel war nicht Mitglied im CoCom-Ausschuss, wollte aber unbedingt verhindern,
dass die Vereinigten Staaten Wind von seinen atomaren Rüstungsplänen bekamen.
Es wollte Uran in Südafrika kaufen, doch das Land war durch einen exklusiven
Liefervertrag gebunden. Gleiches galt für die französischen Kolonien in Afrika. Am
Ende blieb nur ein Land übrig: Argentinien.
Erzählerin:
Argentinien hatte damals nur geringe Uranvorkommen erschlossen. Laut Gesetz
durfte der „strategische Rohstoff“ nicht exportiert, sondern nur für die Zwecke der
Nationalen Atombehörde benutzt werden.
Shimon Peres, der Vater des israelischen Atomprogramms und heutiger Präsident,
wandte sich an die Adenauer-Regierung, mit der Tel Aviv zwar noch keine
diplomatischen Beziehungen unterhielt, mit der man aber Waffengeschäfte betrieb,
die in Israel auf starken innenpolitischen Widerstand gestoßen waren. Peres traf sich
im Februar 1960 mit Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, der zuvor der erste
Bundesminister für Atomfragen gewesen war. Strauß konnte weiterhelfen.
Sprecher:
Das Bundeskabinett beschloss am 2. März 1960, das israelische Chaim Weitzmann-
Institut mit drei Millionen D-Mark aus dem Haushalt des Atomministeriums zu fördern.
Und zwölf Tage später trafen sich Konrad Adenauer und Ben Gurion in New York
und besiegelten das geheime nukleare Dreiecksgeschäft.
O-Ton – Roberto Ornstein (spanisch):
„Las tres exportaciones ... „
Erzählerin:
Drei Mal exportieren wir Uran an Israel, erinnert sich Roberto Ornstein von der
argentinischen Atombehörde.
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Übersetzung:
„Das war Anfang der sechziger Jahre. Die erste Lieferung, fünf Tonnen, ging über
Deutschland. Die zweite, zehn Tonnen, ging direkt nach Israel. Und die dritte
Lieferung, 1963, ging ebenfalls direkt nach Israel, fast hundert Tonnen. Weil das eine
sehr große Menge war, erstreckte sich die Lieferung über drei Jahre.“
Erzählerin:
In allen drei Fällen musste die argentinische Regierung ein Dekret erlassen, um
gesetzliche Beschränkungen zu umgehen. Das erste Dekret stammt aus dem Jahr
1960 und trägt die Unterschriften des Staatspräsidenten, des Verteidigungs-,
Wirtschafts- und Finanzministers sowie der Oberkommandierenden der drei
Waffengattungen. Offizieller Abnehmer, so steht es in dem Dekret, waren die
deutschen Firmen Metallgesellschaft und Nukem. Nukem war gerade erst gegründet
worden, eine hundertprozentige Tochter der Degussa.
Sprecher:
Zwischen 1960 und 1963 lieferten die Argentinier den Israelis insgesamt 116 Tonnen
Natur-Uran – praktisch die gesamte Produktion mehrerer Jahre. Natürlich hätten sie
sich damals ausrechnen können, dass diese immense Menge nicht für den kleinen
Forschungsreaktor Dimona gedacht war, gibt Ornstein zu:
O-Ton – Roberto Ornstein (spanisch):
„Que lo hicieron después los israelis ...“
Übersetzer:
„Was die Israelis mit diesem Uran gemacht haben? Das wissen nur sie.“
Erzählerin:
Der Bau der ersten israelischen Atombomben, mit Hilfe ehemaligen Wissenschaftlern
des Nationalsozialismus und argentinischem Uran, fand gegen den erklärten Willen
der US-Regierung statt.
Präsident Eisenhower und seine Atomic Energy Commission müssen vor Wut
geschäumt haben, glaubt Jorge Antonio.
Sprecher:
Antonio war bis 1955 die rechte Hand von Präsident Perón gewesen. Er hatte
Mercedes Benz und viele andere deutschen Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg an
den Rio de la Plata geholt. Und er hat zahlreiche Alt-Nazis in den deutschen
Auslandsniederlassungen eingestellt, darunter auch den Kriegsverbrecher Adolf
Eichmann.
Erzählerin:
Eichmann hat nicht nur Kontakte zu bundesdeutschen Geheimdiensten unterhalten.
Er lebte 1960 in Bariloche, in der Nähe des Atomzentrums und dürfte von dem
geplanten nuklearen Dreiecksdeal zwischen Argentinien, Deutschland und Israel
gewusst haben. Und er sei nicht, sagt Jorge Antonio, wie es gewöhnlich dargestellt
wird, vom Mossad aus Argentinien entführt worden, um ihn wegen seiner Verbrechen
während des Nationalsozialismus vor Gericht zu bringen. Die wahre Geschichte sei
eine andere:
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O-Ton - Jorge Antonio (spanisch):
„Eichmann era uno de los tecnicos ...“
Übersetzung:
„Eichmann arbeitete bei Mercedes Benz, er wurde dort verhaftet. Dann wurde er den
Juden übergeben. Ein Flugzeug der Aerolineas Argentinas flog ihn nach Natal und
dort setzte man ihn in eine El Al-Maschine. So brachten sie ihn nach Israel.“
Sprecher:
Hat Eichmann für einen amerikanischen Geheimdienst oder die Atomic Energy
Commission gearbeitet? Beiden Behörden liegt ein Recherche-Antrag nach dem USInformationsfreiheitsgesetz
vor. Während die CIA-Pressestelle mitteilte, dass sie zu
dem genannten Komplex keine Akte besäße, blieb die Atombehörde eine
umfassende Antwort schuldig. Der deutsche Bundesnachrichtendienst teilte auf
Anfrage mit, dass er zwar die Akte gefunden habe, sie aber noch mindestens zehn
weitere Jahre geheimhalten will. Das Bundeskanzleramt hatte zwar zunächst
versprochen, das Material offen zu legen. Doch in der Praxis lässt die
Bundeskanzlerin den BND selbst entscheiden, was er öffentlich machen will und was
nicht. Eine Dienstanweisung, die Umstände der Verhaftung des Naziverbrechers
nicht länger zu vertuschen, mochte Angela Merkel bisher nicht erteilen.
Erzählerin:
Für wie viele Sprengköpfe das argentinische Uran und die weiterentwickelte
Nukleartechnik des Nationalsozialismus gereicht haben, ist unklar. Heute besitze
Israel 150 Atomwaffen, schätzte vor kurzem der ehemalige US-Präsident Jimmy
Carter. Das sind mehr, als die US-Streitkräfte derzeit auf deutschem Boden lagern.
Sprecher:
Israel ist seit 1957 Mitglied der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien und
unterwirft sich deren Kontrollen. Theoretisch zumindest. Praktisch wollen die
Kontrolleure die Bomben nicht entdeckt haben. Auch die Internationale Atomenergie-
Behörde in Wien hat übrigens ein Interview zum Thema Israel verweigert.
Erzählerin:
Einerseits bestreitet die israelische Regierung den Besitz von Atomwaffen.
Andererseits benutzt sie sie zur Abschreckung. Das sei kein Widerspruch, meint
Friedensforscher Otfried Nassauer.
O-Ton - Otfried Nassauer:
„Diese Politik einer absichtlichen Zweideutigkeit versucht Israel in die Nach-Kalte-
Kriegszeit hinüberzuretten und das kann man bis heute beobachten, wie dies auch in
Bereich hinein wirkt, wo man sonst Infos bekommen würde. Ein Beispiel: Eine
amerikanische Quelle hat beobachtet, dass Israel einen Marschflugkörper mit 1000
oder 1500 Km Reichweite aus Sri Lanka von einem U-Boot aus getestet hat. Von
israelischer Seite ist keine Bestätigung dafür zu bekommen, dass es diesen
Marschflugkörper gibt. Auch da wieder diese ganz bewusste Zweideutigkeit: Alle
anderen sollen denken, wir haben die Fähigkeit, wir selbst behaupten aber nicht,
dass wir sie haben“.
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Erzählerin:
Hat sich die atomare Kooperation zwischen Israel, Deutschland und Argentinien
auch für das südamerikanische Land ausgezahlt? Bei der Nationalen Atombehörde
in Buenos Aires glaubt man, dass die dort lebenden deutschen Wissenschaftler in
der Anfangsphase den Argentiniern bei der Nukleartechnologie geholfen haben.
Heute entwickelt und exportiert die CNEA eigene Reaktoren.
Sprecher:
Hat sich auch für die Bundesrepublik diese Zusammenarbeit ausgezahlt? Auf den
ersten Blick scheint es so. Die deutschen Wissenschaftler konnten in Argentinien, in
enger Zusammenarbeit mit deutschen Konzernen, ihre Forschungen dort weiter
führen, wo sie 1945 aufgehört hatten – Forschungen, die erst die Alliierten und
später die Pariser Verträge verboten hatten. So sicherten sie ihren Anschluss an die
technologische Entwicklung, die der Weltmarkt erforderte. Im Gegensatz zu den USA
oder zur Sowjetunion, wo die deutschen Wissenschaftler ihr Wissen aus der Hand
gaben, ließen sie sich in Südamerika praktisch nicht in die Karten gucken, und ihre
Forschungsergebnisse kamen deutschen Unternehmen zu Gute.
Doch hätte nicht dasselbe Ergebnis anders, in einem legalen Rahmen, erreicht
werden können? Schließlich waren die Patente und Markenzeichen der
Bundesrepublik schon wenige Jahre nach Kriegsende zurück gegeben worden. Und
über Euratom und in Zusammenarbeit mit den Franzosen konnten die Deutschen ihr
Wissen auch bei der sensiblen Nukleartechnologie wieder einbringen.
Erzählerin:
Das Dreiecksgeschäft war unter strikter Geheimhaltung abgewickelt worden. Und
wenn jetzt herauskommt, dass der junge jüdische Staat seine Atomwaffen einer
Technologie verdankt, die von Wissenschaftlern im Nationalsozialismus entwickelt
wurde, so besteht – um es vorsichtig auszudrücken – Erklärungsbedarf. Hinzu
kommt die Behauptung des israelischen Geheimdienstes Mossad, Eichmann wegen
seiner Beteiligung am Holocaust entführt zu haben. Sie stellt sich jetzt als „erfunden“
heraus. Fast ein halbes Jahrhundert wurde die Weltöffentlichkeit belogen.
Sprecher:
Es wäre zu wünschen, dass endlich die Wiener Atomenergiebehörde erklärt, warum
sie auf einem Auge blind war und die atomaren Massenvernichtungswaffen Israels
toleriert hat. Glaubte sie, dass die Atombombe in einer Hand dem Frieden im Nahen
Osten hilft? Und wenn sie dies glaubte, dann sollte sie die Heuchelei beenden und
der Welt reinen Wein einschenken. Das ist das Mindeste, was man von einer den
Vereinten Nationen unterstehenden Organisation erwarten darf.
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