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31. Januar 2008


Das Grundproblem des Kapitalismus – und wie es die Ökonomen zu leugnen versuchen

Von Prof. Günther Moewes

 

http://www.guenthermoewes.de/ + http://www.zeitschrift-humanwirtschaft.de/htm_z/archiv_01-2008.htm

 

Die Zeitgeistökonomie hält verzweifelt Thesen aufrecht, die sich längst nicht mehr aufrechterhalten lassen. Dazu gehört vor allem die Behauptung, die Massenarbeitslosigkeit lasse sich auch in „reifen“ Volkswirtschaften bis in alle Ewigkeit durch ein exponentielles Wirtschaftswachstum überwinden. Für diese Thesen steht ein ganzes Arsenal von eingefahrenen Schlagworten und scheinbar selbstverständlichen Grundannahmen zur Verfügung die in den täglichen Abendnachrichten auf uns herabprasseln. Sie haben den Vorteil, dass sie sich in kurze Pressenotizen und Statements verpacken lassen, und so im Zeitalter des Häppchen- Journalismus, der Diskussionssendungen und der Meinungsfriseusen eine schnelle Plausibilität erzeugen. Diese scheinbare Plausibilität beruht aber bei näherem Hinsehen nur auf dem gezielten Ausblenden augenfälliger aber ungewohnter Tatsachen und Erkenntnisse. Eben auf Zeitgeist. All das dient dazu, das eigentliche Grundproblem „reifer“ kapitalistischer Volkswirtschaften zu verschleiern: Die reale Wertschöpfung steigt nur noch linear, die private Abschöpfung dagegen exponentiell. Das ist der Grund, warum sich die Armuts-Reichtums-Schere immer weiter öffnet.
 

Das Märchen von der sinkenden Arbeitslosigkeit

Derzeit erleben wir wieder einmal ein besonders schönes Beispiel staatlich organisierter Bevölkerungstäuschung: Politiker, Ökonomen und Medien jubeln: Die Arbeitslosigkeit sei so stark zurückgegangen wie noch nie. Mittlerweile hätten wir wieder den Stand von vor zehn Jahren erreicht. Erstmals hätten 40 Millionen Menschen in Deutschland einen Job. Das wären 800 000 mehr als im Jahr 2000 und 1,4 Millionen mehr als 1991. Diese Erfolgsmeldungen werden inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Man streitet sich nur noch um die Frage, wem die Lorbeeren dafür zustehen: dem globalen Wirtschaftsboom oder der Agenda 2010.

Ist die seit Ludwig Erhard regelmäßig von allen Kanzlern wortgleich beschworene „unmittelbar bevorstehende Wende auf dem Arbeitsmarkt“ nun doch endlich eingetreten? Ist unsere vor nunmehr 25 Jahren aufgestellte Behauptung falsch, wonach es in hochindustrialisierten und „gesättigten“ Wirtschaften langfristig nie mehr einen Rückgang der Arbeitslosigkeit geben werde? Steigt das Volumen an Menschenarbeit doch noch an, trotz ständiger Erhöhung von Maschinisierung und Produktivität?

Mitnichten. Die harten Tatsachen zeigen das genaue Gegenteil. Seit 1991 ist das Jahresarbeitsvolumen um insgesamt 2,8 Millionen Stunden gesunken. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs ist seit 2000 um insgesamt eine Million zurückgegangen. Die Beschäftigung ist also insgesamt gesunken und nicht etwa gestiegen. Und das trotz höheren Wachstums und des viel bejubelten, vermeintlichen „Aufschwungs“. Und obwohl sich die Zahl der weiblichen Beschäftigten zumindest bis 2005 ständig erhöht hat. Und obwohl die Zahl der Arbeitsfähigen durch den so genannten „demografischen Wandel“ und den Zuwanderungsstopp gesunken ist. Obwohl also die Zahl der Arbeitssuchenden ohnehin verringert wurde, weil insgesamt mehr Menschen den Arbeitsmarkt verlassen haben als hinzugekommen sind1).

Selbst der Rückgang bei den älteren Arbeitslosen um 140.000, mit dem sich der ehemalige Bundesarbeitsminister so gerne brüstete, stellt sich nach Angaben des Landesarbeitsministers von NRW etwas anders dar: Nur 40.940 von Ihnen haben eine Arbeit gefunden. Die anderen 99.000 sind nach wie vor ohne Arbeit, nur aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in der Statistik, u.a. weil sie vorzeitig in Rente gegangen sind. Die Durchschnittsdauer der Arbeitslosigkeit sei bei den über 50-jährigen in den letzten zwölf Monaten sogar um einen halben Monat angestiegen(2).

Wie könnte es auch anders sein? Der Mechanismus der Industrialisierung lässt sich nicht aushebeln. Die Maschinen geben niemals wieder Arbeit an die Menschen zurück(3). Wie aber kommen dann unsere Staats-, Wirtschafts- und Medieneliten dazu, uns ein solches Märchen aufzutischen? Und vor allem: Wie kommt es, dass nur so wenige Einspruch erheben? Die Antwort ist einfach: Alle wollen es gerne glauben. Der Wunsch ist der Vater aller Gedanken, aller Deutungshoheit von Statistik.

Die große Illusionsmaschine läuft und läuft. Was ist in Wirklichkeit passiert? Wie kann man einen tatsächlichen Rückgang des Arbeitsvolumens in einen Anstieg der Beschäftigungszahlen verwandeln? Nun, der Hauptteil des Anstiegs geht auf eine gezielte Zahlenmanipulation zurück: Man hat ganz einfach eine Million sozialversicherungspflichtiger Vollzeitjobs in mehrere Millionen geringfügig Beschäftigte, Minijobs, Scheinselbstständige und Leiharbeiter verwandelt. In sogenannte „prekäre“ Beschäftigung also. Man hat immer weniger Beschäftigung auf immer mehr Menschen verteilt. Und das nicht, indem man die Arbeitszeit aller verkürzt hat, sondern einfach, indem man Arbeitszeit und Bezahlung einer Minderheit verkürzt hat. Und gleichzeitig einen Teil der Lasten von den Unternehmen weg und über die Hartz-Gesetze auf die Bevölkerung umgewälzt hat. Man hat einfach das Problem auf die Lebensschicksale von Millionen Erwachsener und Kinder ausgekippt. „Reform“ hat man das auch noch zynisch genannt.

In der Hartz-Kommission saß kein einziger Betroffener, kein einziger Arbeiter, kein einziger Armer, kein einziger Arbeitsloser, ja nicht einmal jemand, der selber jemals Arbeitslosigkeit befürchten muss. Sondern nur hochbezahlte Funktionäre, die noch nie in ihrem Leben fremdbestimmte Qualarbeit leisten mussten. So funktioniert mittlerweile diese Republik. Und solche hochbezahlten Funktionäre führen dann naturgemäß die Arbeitslosigkeit beharrlich auf die Faulheit der anderen zurück und feiern sich selbst als „Reformer“. Es hätte gar keiner Verwicklung des Vorsitzenden in einen Bordellreisenskandal bedurft, um die entstandene Anrüchigkeit zu erzeugen. Sie behandeln Arbeitslose wie Dressurtiere und heucheln dann Erstaunen über die entstandene Armut und Kinderarmut. „Fordern und fördern“ nennen sie das großartig. „Andere fordern und sich selbst fördern“ trifft wohl auf den politischen Alltag der Republik eher zu. Das belegen auch die Nebenverdienste von Politikern, u.a. bei Energie-Konzernen.

Das Märchen vom „Nullwachstum“ Wenn eine Stadt 100.000 Wohnungen hat und jedes Jahr 4.000 Wohnungen hinzubaut – wie viel Prozent Wachstum sind das? Die Antwort auf diese Frage lautet in etwa 90% der Fälle: 4%. Diese Antwort ist falsch. Die richtige Antwort muss lauten: Es ist Nullwachstum. Zwar wächst die Stadt in dieser Zeit unaufhörlich weiter. Ihr Wohnungsbestand verdoppelt sich nach 25 Jahren. Aber die Wohnungsproduktion bleibt stets gleich. Sie wächst nicht. Zwar geht die absolute Zunahme der Produkte unentwegt weiter, aber die relative Zunahme gegenüber dem Vorjahresergebnis ist Null. Aus dieser Konstruktion haben die Wirtschaftstheoretiker die Berechtigung abgeleitet, den Vorgang der ständig gleichmäßigen Zunahme der Produkte, also des stetigen, gleichmäßigen Wachsens des Bestandes mit „Nullwachstum“ zu bezeichnen. Der so genannte „gesunde Menschenverstand“ versteht unter „Wirtschaftwachstum“ die Vermehrung der Güter und Dienstleistungen. Genau die findet aber auch bei dem von den Ökonomen so genannten „Nullwachstum“ statt. Der gleiche „gesunde Menschenverstand“, wie auch manche Wirtschaftslexika, setzen dagegen den Begriff „Nullwachstum“ mit „gänzlichem Stillstand“ gleich. Tatsächlich wächst aber unsere Stadt auch bei Nullwachstum ständig weiter.

Die Bezeichnung „Nullwachstum“ bedeutet also nicht, dass die Stadt nicht mehr wächst, sondern nur, dass ihr Wachstum nicht jedes Jahr beschleunigt wird. Nur wenn es sich um eine ständige Wachstumsbeschleunigung handelt, um ein „Wachstumswachstum“ sozusagen, sprechen die Ökonomen scheinheilig von „Wachstum“ – für den halbwegs sprachsensiblen Laien eine etwas abenteuerliche Denkweise und Begriffsbildung(4).

Wir müssen also unterscheiden zwischen dem Wachstum der Produktion und dem Wachstum des Bestandes (Tabellen 1 und 2). Was die Ökonomen als „Nullwachstum“ bezeichnen, erzeugt also immer noch ein lineares Wachstum des Bestandes: 100.000, 104.000, 108.000 Wohnungen usw. Erst wenn gar nichts mehr hinzu produziert wird, wächst auch der Bestand nicht mehr. Oder wenn nur so viel produziert wird, wie auch wieder verbraucht wird. Dieser Verbrauch, die so genannte „Abschreibung“ spielt bei Verbrauchsgütern eine Rolle, weniger bei Investitionsgütern wie z.B. Wohnungen.

Was dagegen die Ökonomen als „Wachstum“ bezeichnen, ist die Zunahme der Produktion gegenüber dem Vorjahr, nicht die des Bestandes. 4% Wachstum würden also die Produktion von 4.000 neuen Wohnungen im ersten Jahr bedeuten, von 4.160 im zweiten, 4.326 im dritten usw. Das Prinzip des Zinseszinses: die 4% werden immer auf das bereits gewachsene Vorjahresergebnis aufgeschlagen, nicht auf den Anfangsbestand. Auf diese Weise entstünde eine exponentielle Kurve, ein so genanntes „exponentielles Wachstum“. Exponentielle Kurven haben bekanntlich zwei sehr dynamische Eigenschaften: 1. Ihr Ergebnis verdoppelt sich immer nach gleichen Zeitschritten und 2. Jeder neue dieser Schritte bringt so viel wie alle vorherigen Schritte zusammen. Wie bei der Gewinntabelle in der Sendung „Wer wird Millionär“.

Das Märchen vom „exponentiellen Wachstum“

Nun könnten wir uns ja auf die Definition der Ökonomen notfalls einlassen. Schließlich ist es ja das Recht der Wissenschaft, eigene Definitionen zu setzen. Wer möchte hier schon sofort Täuschungsabsicht unterstellen, nur weil die Definition vom üblichen, laienhaften Sprachverständnis abweicht? Sollen wir also ruhig das lineare Wachstum der Produkte weiter „Nullwachstum“ nennen und das reale, „exponentielle Wachstum“ der Produktion weiter „Wirtschaftswachstum“?

Jetzt kommt die zweite große Überraschung: das viel beschworene „exponentielle Wirtschaftswachstum“ gibt

Nach Jahren Bestand Wohnungen Jährlicher Zuwachs bei 4% Wachstum Wachstum des Bestandes in %

{Max: Die Tabelle wird in dem PDF file auf dem obigen Link besser lesbar dargestellt.}
 

Tabelle 1, sog. „Exponentielles Wachstum“: Produktion nimmt linear

zu, Bestand exponentiell. Prozentrate bleibt gleich. Hat es in

Deutschland seit 1950 nie gegeben.

Nach

Jahren

Bestand

Wohnungen

Jährlicher Zuwachs an

Wohnungen

Wachstum des

Bestandes in %

Tabelle 2, sog. „Nullwachstum“: Jährliche Produktion bleibt gleich, Bestand nimmt ständig weiter linear zu. Prozentrate nimmt ab.

 es real überhaupt nicht. Es ist ein Phantom. Zumindest in Deutschland und in den Industrieländern. Das reale, d.h. inflationsbereinigte Bruttoinlandprodukt (kurz: BIP) ist hier seit 1945 noch nie exponentiell gewachsen, sondern stets nur streng linear, vermutlich seit 1914. Sein Anstieg war im „gleitenden Durchschnitt“ stets eine fast exakte Gerade (Grafik 1 u. 2). Die Abweichung von dieser Durchschnittsgeraden liegt im Mittel unter 3%, im Maximum bei 8%. Leicht exponentiell ist dagegen lediglich das nominale BIP angestiegen, allerdings hauptsächlich aufgrund der Inflationsrate. Wäre auch das reale BIP exponentiell angestiegen, hätten wir eine Umweltkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes(5).

Wenn also die Ökonomen ein real linear ansteigendes BIP fälschlich exponentiell messen, messen sie fast nur die Inflation. Sie messen bestenfalls kurzfristige Schwankungen der gleichmäßig ansteigenden Geraden. Lediglich in den Frühstadien einiger Entwicklungsländer, zum Beispiel in China und den so genannten „Tigerstaaten“, ist auch das reale BIP zeitweise exponentiell angestiegen. Da aber dieser Anstieg von äußerst niedrigen Basiswerten ausging, liegt die Pro-Kopf- Produktion dort trotz der höheren Wachstumsrate auch heute immer noch weit unter der westlicher Industrieländer. Warum messen dann aber die Ökonomen ein in Wirklichkeit linear ansteigendes Wachstum exponentiell? Die Antwort ergibt sich wiederum aus den Tabellen 1 und 2: Wenn ich einen linearen Produktionszuwachs in exponentiellen Prozentraten messe, so nehmen diese Prozentraten ständig ab. Und genau das ist das Ziel der Übung: Die Prozentraten

sollen ständig abnehmen, damit man eine Rechtfertigung für die Zunahme der Arbeitslosigkeit hat. Man kann dann sagen: Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, weil das Wachstum abnimmt. Das Märchen von der Arbeitslosigkeit durch fehlendes Wachstum Nimmt die Arbeitslosigkeit tatsächlich zu, wenn das Wachstum abnimmt? Grafik 1 zeigt, dass seit 1965 sowohl das reale BIP als auch die Arbeitslosigkeit stets synchron und parallel angestiegen sind, und zwar linear. Dabei ist die Kurve der Arbeitslosigkeit starken Schwankungen unterworfen. Ihr gleitender Durchschnitt bleibt aber mittel- und langfristig streng linear und keinesfalls exponentiell, genau wie der Anstieg des realen BIP. Auch dem Nicht-Mathematiker wird es einleuchten, dass zwei parallel ansteigende Kurven sich langfristig nicht gegenseitig kompensieren können. Die Arbeitslosigkeit kann also langfristig überhaupt nicht durch steigendes Wirtschaftswachstum kompensiert werden. Stimmt das? Haben sowohl Angebots- als auch Nachfragetheoretiker unrecht, die sich ja in dieser Behauptung ausnahmsweise einig sind? Sieht man nicht immer wieder Darstellungen, in denen die Schwankungen der Prozentraten des BIP exakt mit den Schwankungen der Arbeitslosigkeit zusammenfallen?

Nun, solche Darstellungen folgen einem einfachen Rezept: Man trägt auf der y-Achse die Prozentraten ab, die man erhält, wenn man die lineare Zunahme des Wachstums gegenüber dem Vorjahr in Prozent misst. Diese Prozentraten haben die schöne Eigenschaft, dass sie periodisch sinken, obwohl in Wirklichkeit überhaupt nichts sinkt, sondern das BIP ständig steigt. So entsteht eine fiktive horizontale Wellenkurve. Dies legt man dann über die Kurve der Arbeitslosigkeit. Man vergleicht also konkrete Zahlen von Arbeitslosen mit einer fiktiven mathematischen Ableitung. Dann muss man noch dafür sorgen, dass die Schwankungsbreite der Prozentraten (zwischen 2,7% und 8,0%) mit den Schwankungsbreiten der Arbeitslosenzahlen (0,27 Mio. und 5,04 Mio.) auf den y-Achsen maßstäblich einigermaßen in Einklang gebracht werden – und schon hat man zwei Wellenkurven, die man dann nach dem berühmten Kondratieff benennen kann.

Obwohl also zumindest beim BIP überhaupt nichts sinkt, sagen die Ökonomen dann: Seht mal – immer wenn das Wachstum sinkt, steigt die Arbeitslosigkeit (Grafik 3)(6). In Wirklichkeit sagen diese Kurven jedoch nur folgendes aus: Beschleunigt sich der normale lineare Produktionsanstieg einmal kurzfristig aus konjunkturellen Gründen, brauchen die Unternehmen einige Zeit, um sich maschinell auf diesen Anstieg einzustellen. Bis dahin wird er notgedrungen mit menschlicher Arbeitskraft bewältigt. Folge: die Arbeitslosigkeit sinkt vorübergehend. Ist der maschinelle Ausbau dann endlich vollzogen, ist die Beschleunigung des Produktionsanstiegs längst wieder verebbt. Jetzt besteht doppelte Überkapazität. Folge: Die Arbeitslosigkeit steigt schneller, als sie vorher gesunken ist (Grafik 1). Daraus die Erwartung abzuleiten, durch dauerndes Wachstum könne die parallel verlaufende Arbeitslosigkeit langfristig überwunden werden, ist kindisch.
 

Diese Feststellung gilt auch für die bisher in Deutschland aufgetretenen fünf Rückgänge der Arbeitslosigkeit (Grafik 1). Vier dieser fünf Rückgänge waren größer als die jeweils bis dahin vorausgegangenen. Dennoch pendelte sich die Arbeitslosigkeit stets nach sehr kurzer Zeit wieder auf den alten gleitenden Durchschnitt ein. Bis dahin war einige Monate lang das Gejubel von der „endgültigen Wende auf dem Arbeitsmarkt“ zu hören. Dann verstummte es wieder. Der fünfte Rückgang, den wir zur Zeit erleben, dürfte nach Abzug der weiter oben beschriebenen Statistik-Manipulationen voraussichtlich eher kleiner ausfallen als die vorausgegangenen. Die Realität: Der exponentielle Anstieg der privaten Geldvermögen Gibt es also in der Ökonomie gar keine exponentiell ansteigenden Größen? Doch. Eine Größe steigt seit 1950 im Gegensatz zum Sozialprodukt beharrlich exponentiell an, sowohl nominal als auch real – und das sind die privaten Geldvermögen. Sie sind seit 1950 in Deutschland jedes Jahr nominal um durchschnittlich genau 7,47% angestiegen. Zieht man davon eine Inflationsrate von durchschnittlich 2% ab, so erhält man einen realen Anstieg von durchschnittlich 5,5% pro Jahr(7), also den Anstieg der realen Kaufkraft dieser Vermögen. Dieser Anstieg war stets von äußerster Präzision und Beharrlichkeit. Die Streuung der realen Werte gegenüber der „idealen“ Durchschnittskurve von 7,47% liegt unter 2%, die maximale Einzelabweichung unter 4%. Kein Vietnamkrieg, keine Ölkrise, keine Konjunkturflaute hat diesen Anstieg je nennenswert beeinflussen können.
 

Will man ein Bild der realen Wirtschaftsvorgänge haben und sich nicht im Gestrüpp zufälliger Preiswillkür verlieren, muss man den realen Anstieg der privaten Geldvermögen mit dem realen BIP vergleichen. Beide heißen nicht umsonst „real“, denn sie geben die reale Kaufkraft in konstanten Preisen wieder. Den Vergleich dieser beiden Verläufe zeigt Grafik 2. Die Grafik 2 sagt mehr aus als alle Jahresberichte der fünf so genannten Wirtschaftsweisen der letzten zehn Jahre. Es ist die Fieber- oder Schicksalskurve „reifer“ Industriegesellschaften im Kapitalismus. Sie zeigt die wahre Ursache der explosionsartig ansteigenden Ungleichverteilung der letzten Jahre. Was sagt die Grafik aus? In den Wirtschaftswunderjahren bis 1975 steigt das BIP noch stärker als die privaten Geldvermögen. Die Welt ist noch in Ordnung. Es ist die Zeit der Grundigs, Boschs und Borgwards. Ihr Reichtum hält sich gegenüber den Arbeitslöhnen in Grenzen und steht noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zur gesellschaftsdienlichen Leistung. Ab 1975 steigen die privaten Geldvermögen zum ersten Mal stärker an als das BIP. Sie sind mittlerweile so groß geworden, dass ihre leistungslose Vermehrung durch Zinsen und Renditen den Anstieg von Sozialprodukt und Wertschöpfung erstmals real übertrifft. Der Beschleunigungsmechanismus des Exponentiellen beginnt zu greifen. Auch die Wiedervereinigung ändert nichts am Verlauf der Kurven. Es versetzt sie beide nur geringfügig nach oben. Mitte 1993 überholen die privaten Geldvermögen zum ersten Mal real das BIP. Die Armuts-/Reichtumsschere beginnt sich zu öffnen. Zuerst langsam und dann immer schneller. Während das BIP beharrlich im gewohnten Trott linear weiter steigt, steigen die Geldvermögen immer aberwitziger exponentiell an. Ihre Kurve beginnt sich immer mehr der Vertikalen zu nähern. Das muss sie auch, denn der Fundus, aus dem sich ihre leistungslose Vermehrung speist, wird ja ebenfalls exponentiell immer größer. Und keine Regierung unternimmt etwas dagegen. Warum steigen die privaten Geldvermögen exponentiell an, obwohl das Sozialprodukt nur linear ansteigt? Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte das vor allem mit dem Zinseszins begründet werden. Heute kommen zum Zinseszins fast täglich neue Konstruktionen der leistungslosen Geldvermehrung hinzu: Hedge Fonds, Private Equity, REITS, Optionen, Zertifikate, Derivate und so fort. Der Zinseszins markiert mittlerweile eher die Untergrenze der möglichen Renditen. Gleichwohl erzeugt er von allen Konstruktionen immer noch die größte Umverteilung von unten nach oben – und zwar über den Preis. Da heute vom Bergwerk bis zum häuslichen Stromanschluss alles über Kredite finanziert wird und alle Zinsen über die Preise weiter gewälzt werden, addieren sie sich über die einzelnen Produktions-, Handels- und Dienstleistungsstufen am Ende zu Preisanteilen von bis zu 70%. Nun sind ja steigende private Geldvermögen zuerst einmal nichts Schlechtes, sondern ein Zeichen steigenden privaten Wohlstandes. Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, ihr Anstieg sei das Ergebnis bloßer Ansparung und Akkumulation, von Rücklagen also. Und es sei deshalb vom BIP völlig unabhängig. Das Problem dabei ist allerdings, das mit dem exponentiellen Anstieg der Geldvermögen ein immer größeres Potential geschaffen wird, mit dem immer größere Renditen von der erarbeiteten Wertschöpfung leistungslos abgeschöpft werden können. Da sich bekanntlich in Deutschland mittlerweile 60% dieser 6,5 Billionen Euro an Geldvermögen in den Händen der 10% Reichsten befinden, eine Mehrheit von über 50% aber über null Geldvermögen verfügt(8), kann auch nur die besitzende Minderheit als Verleiher auftreten und die leistungslosen Renditen einstreichen. Die Mehrheit ist Verlierer. Auf diese Weise findet so eine ständig zunehmende Umverteilung statt, nicht nur von oben nach unten, sondern auch von gesellschaftsdienlicher Arbeit zu bloßem leistungslosen Kapitalbesitz. Am Ende saugt dieser wie ein Zyklon alles an sich. Selbst bei so genannten Konjunkturaufschwüngen kommt bei den 80% Zinsverlierern nichts mehr an. Wir arbeiten zunehmend nur noch für die oberen 10%. Jetzt sehen wir auch ein weiteres Motiv, warum ständig so getan wird, als wachse das Sozialprodukt ebenfalls exponentiell: Die eben dargestellte Diskrepanz zwischen dem exponentiellen Anstieg der Geldvermögen und dem nur linearen des Sozialprodukts, diese permanente Umverteilungsautomatik von unten nach oben, soll um jeden Preis verheimlicht werden. Deshalb die eigenartige Messmethode. Deshalb tut die Ökonomie einfach so, als wachse auch das Sozialprodukt genau so exponentiell wie die privaten Geldvermögen. Tut es aber eben nicht. Sprachtäuschung wird zum Politikstandard Die Zeitgeistökonomie ist zur massivsten Bastion der Fortschrittsabwehr geworden. Auf ihren irreführenden Begriffsbildungen beruhen heute zahlreiche politische Entscheidungen: die Ablehnung von Mindestlöhnen, die Rente mit 67 und vor allem die Agenda 2010. Hinsichtlich der letzteren dämmert es ausgerechnet den Verfasser-Parteien schon nach kurzer Zeit, dass sie vielleicht doch nicht so ganz richtig war. Die Sprachtäuschungen der Systemökonomie reihen sich nahtlos ein in die Sprachtäuschungen der Umverteilungspolitik von unten nach oben(9): Wer die Entwicklung zurückdreht, ist ein „Reformer“, wer noch die tatsächlichen Interessen der Bevölkerung demokratisch wahrzunehmen versucht, ein „Populist“, wer Widerstand leistet, und sei es nur verbal, ein „Terrorist“ und wer Stromkonzerne in die Schranken zu weisen versucht, ein „Kommunist“(10). Die Erfolgsautorin Donna Leon schildert, wie afrikanische Oppositionelle von europäischen Geheimdiensten als „Terroristen“ dargestellt und ermordet werden, weil sie einen Konzerndeal ihrer korrupten Regierung zur Ressourcen-Ausplünderung ihres Landes verhindern wollen(11).

 Nur ein Krimi, gewiss. Aber diese Art Täuschung ist mittlerweile zum Politikstandard geworden. Heimlich verkaufen Banken die Kredite ihrer Kunden an Heuschrecken. Heimlich setzen UNO und EU unbescholtene Bürger ohne deren Wissen auf „Terroristenlisten“. Heimlich werden Kennzeichen fahrender PKW registriert und Fluggastdateien angelegt. Streiks werden neuerdings als „Erpressung“ bezeichnet. Die Bundesanwaltschaft verfolgt Wissenschaftler, weil Widerstandsgruppen deren Terminologie benutzen. Wer sich der staatlichen Umverteilungspolitik zugunsten der Reichen entgegenzustellen sucht, wird zum Staatsfeind stilisiert und überwacht. Der Kotau vor dem Kapital wird als „Sachzwang“ dargestellt, seine Verweigerung als Gefährdung des „Standorts Deutschland“. Das Kapital hat mittlerweile den Bevölkerungen offenbar den uneingeschränkten Krieg erklärt. Für seine Selbstherrlichkeit mag der Wutausbruch eines Managers des FC Bayern stehen, der unter Anspielung auf die 340 Millionen unseres Geldes für sein Stadion ausrief: „Was glaubt Ihr eigentlich, wer Ihr seid?“(12) Die Antwort lautet: „Wir sind das Volk.“